20. September 2016

Zentralbanken: Die Grenzen der Geldpolitik sind erreicht

Dunkle Wolken über der FED
Die Grenzen der Geldpolitik sind erreicht. Jetzt muss eine expansive Fiskalpolitik die Führung übernehmen. Das ist die Quintessenz einer Stellungnahme, die das Sekretariat der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD) vor dem Treffen des Lenkungsausschusses der US-Zentralbank FED abgegeben hat. Das sog. Open Market Committee der FED (FOMC) tagt heute und morgen in Washington. Wie der Direktor der UNCTAD-Abteilung für Globalisierung und Entwicklungsstrategien, Richard Kozul-Wright, sagte, ist die unkonventionelle Geldpolitik der Zentralbanken, darunter massive Anleihekäufe und negative Zinsen, nicht nur dabei gescheitert, reale Investitionen und die Schaffung von Arbeitsplätzen anzuschieben; sie hat auch die finanzielle Spekulation und Blasenbildung sowie die Einkommensungleichheit befördert.


Doch auch eine Erhöhung der Zinssätze sei unter den derzeitigen schwachen Konjunkturbedingungen kein geeigneter Weg zurück zur ‚Normalität‘. „Das einzige, was so erreicht werden wird, ist eine Verschärfung der jetzt schon negativen Kapitalflüsse aus den Schwellen- und Entwicklungsländern, begleitet von einer unvermeidbaren Aufwertung des Dollars. Auch die Investitionen in die Verarbeitende Industrie der USA wird dies nicht beflügeln. Vielmehr wird es wahrscheinlich zu einer weiteren Verzerrung von Anlagepreisen kommen und Schwellen- und Entwicklungsländer beim Management ihrer Schuldenlasten nur noch verwundbarer machen.“

Wie der in dieser Woche erscheinende neue Trade & Development Report der UNCTAD hervorheben wird, kommt es vor allem auf die Fiskalpolitik und auf stabile Wechselkurse an, wenn nachhaltige und expansive wirtschaftliche Bedingungen geschaffen werden sollen. Dies gelte für Industrie- und Entwicklungsländer gleichermaßen. Nur so könne die aggregierte Nachfrage gestärkt, ein hohes Investitionsniveau, z.B. in kohlenstoffarme Infrastrukturprojekte, gesichert, die Ungleichheit reduziert und ein Umfeld geschaffen werden, in dem die wirtschaftliche Diversifizierung der Entwicklungsländer gelingen kann. – Ein solcher Politikwechsel wäre in der Tat zielführender als die andauernde Überlastung der Geldpolitik mit der Ankurbelung der Konjunktur und der Stabilisierung einer instabilen Weltwirtschaft. Auf die Dauer ist beides, wie sich inzwischen gezeigt hat, ohne Aussicht auf Erfolg.

19. September 2016

Migration: Wessen Krise?

Gastblog von Gabriele Köhler*)


Man redet und schreibt in deutschen Medien, nicht nur wegen des heutigen Fluchtgipfels der Vereinten Nationen, viel über die Flüchtlingskrise. Und in der Tat ist es eine Herausforderung, wenn Jobcenter und Behörden, kleinere Kommunen, oder Arztpraxen jetzt mehr Menschen zu betreuen haben als vor zwei Jahren. In der Tat ist es ein Problem, mit Vorstellungen konfrontiert zu werden, nach denen Frauen nicht gleichberechtigt wären, oder die homophob oder antisemitisch sind. In der Tat können sich Menschen, die ökonomisch und sozial prekär leben, weil ihre Jobs oder ihre Rentenansprüche nicht gesichert sind oder sie mit dem Hartz-IV-Minimum auskommen müssen, verunsichert fühlen, wenn jetzt eine neue Gruppe von Menschen in unsicheren Umständen in ihre Umgebung zieht.  Diese nachvollziehbaren Ängste, Vorbehalte, Sorgen müssen offen, mit Empathie, aber unemotional aufgegriffen werden, und mit Fakten diskutiert werden.

Für diese vielschichtigen Herausforderungen und neuen Aufgaben braucht es Engagement und vielerlei neue Stellen. Sozialausgaben in Bund und in Ländern müssen großzügig aufgestockt werden, was nun sehr zögerlich geschieht. Für ein Land wie Deutschland, das einen Haushaltsüberschuss hat, ist das ökonomisch objektiv überhaupt kein Problem, wenn man es nur subjektiv will, zu Solidarität bereit ist und es schafft, vom fiskalischen Austeritätswahn abzurücken. Auch sozial ist die Aufnahme von Menschen auf der Flucht keine Krise, insofern als es in Deutschland viele gut ausgebildete Expertinnen und Experten in Bildungs- und Ausbildungsberufen, im Gesundheitswesen, in der Therapie, in den Medien gibt, und zugleich eine lange und bewundernswerte Tradition des Ehrenamts.  Die Flüchtingskrise wird von daher völlig zu Unrecht als eine Krise für Deutschland stilisiert.

Es handelt sich aber natürlich sehr wohl um eine Krise – nämlich für diejenigen Menschen, die keine andere Lösung für sich und ihre Familie sehen, als ihr Heimatland zu verlassen. Das ist, weil sie dort Krieg und bewaffnetem Konflikt, Verfolgung, Folter, Ausgrenzung, ausgeliefert  sind, oder weil Armut und die Folgen des Klimawandels direkt oder indirekt ihre Einkommensmöglichkeiten ausgehebelt haben.

Wir wissen es aus den Medien: 65 Millionen Menschen sind derzeit aus solchen Gründen auf der Flucht. Etwa 40 Millionen Menschen sind Binnenflüchtlinge im eigenen Land. 20 Millionen Menschen sind in Anrainerländer oder auch weiter weg geflohen. Etwa die Hälfte sind Kinder, von denen viele noch dazu ohne Eltern oder Verwandte zurechtkommen müssen. Keine und keiner flieht nur so aus Spaß oder Abenteuerlust.

Es handelt sich auch um eine Krise für arme Länder: Fast 90% der Flüchtlinge leben in einkommensschwachen Ländern. Fünf arme Ländern beherbergen große Flüchtlingsgruppen, und das zum Teil seit Jahrzehnten: Pakistan, der Libanon, Iran, Äthiopien, und Jordanien. In Nepal, einem der ärmsten Länder der Welt, leben seit 20 Jahren Flüchtlinge aus Bhutan; Dadaab, eines der größten Flüchtlingslager der Welt, ist in Kenya. In der Türkei leben derzeit 2.5 Millionen Flüchtlinge. Die Solidarität, die der UN-Generalsekretärskandidat und frühere Flüchtlingshochkommissar Antonio Guterres  seit Jahren anmahnt, muss bei den Flüchtenden sein.

Zum ersten Mal in ihrer Geschichte trifft sich die UN-Generalversammlung  nun zu einem  Gipfel zur Lage von Flüchtenden und Migrantinnen und Migranten. Karl-Heinz Meyer-Braun von der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen hat zu Recht gewarnt: Es  besteht die Gefahr, dass die Weltgemeinschaft die Lösung der Flüchtlingskrise einfach auf diese – auch nur – eintägige Konferenz in New York abwälzt, um dann den Vereinten Nationen den schwarzen Peter zuzuschieben, wenn weiterhin zu wenig geschieht.

Es besteht aber – vielleicht wider besseres Wissen – immer noch die Hoffnung, dass UN-Mitgliedsländer wachgerüttelt werden und sich ihrer Versprechen erinnern. Dazu gehören das  Recht auf Asyl, das seit der Menschenrechtserklärung von 1948  verpflichtend ist, die Genfer Flüchtlingskonvention, aber auch neuere Vereinbarungen, wie die Kinderrechtskonvention, die ILO-Empfehlung zur universellen sozialen Grundsicherung (R202 von 2012) und die Nachhaltigkeitsagenda, die genau  vor einem Jahr versprach, “to empower refugees and migrants” (Präambel, Para 23).

*) Gabriele Köhler ist DGVN-Vorstandsmitgleid und Mitglied im UNICEF Komitee Deutschland. Ihr Kommentar erschien zuerst auf der Website der DGVN.

15. September 2016

Verbot der Fusion Bayer-Monsanto gefordert

Bayer und Monsanto, die beiden Saatgut- und Chemie-Giganten, haben eine bindende Fusionsvereinbarung unterzeichnet und würden damit zur weltweiten Nummer 1 im Saatgut- und Agrarchemiegeschäft aufsteigen. Das ist eine schlechte Nachricht für Bauern und Bäuerinnen weltweit, sagen Vertreter der entwicklungspolitischen Organisationen Misereor, FIAN Deutschland, INKOTA und Brot für die Welt. Die Kartellbehörden werden aufgefordert, die Hochzeit der beiden Giganten zu verhindern.

Kaum ein Markt ist jetzt schon so konzentriert wie der globale Agrarmarkt. Von Privatisierung, Deregulierung und Liberalisierung haben in den letzten Jahrzehnten jedoch nur die großen Akteure des weltweiten Agribusiness profitiert. Bereits heute kontrollieren die „Großen Sechs“ – Monsanto, Syngenta, Bayer, DuPont, Dow und BASF – 75% des globalen Agrarchemiemarktes und über 60% des Saatgutmarktes. Mit der Bayer-Monsanto-Fusion rollt nun eine weitere Markt- und damit Machtkonzentrationswelle auf uns zu. Neben Monsanto-Bayer planen auch DuPont und Dow sowie ChemChina und Syngenta Zusammenschlüsse, um ihre Vormacht bei Pestiziden und Saatgut für die Zukunft zu sichern.

Die Folgen der Fusionen wären fatal: Drei Saatgutkonzerne kontrollierten dann größtenteils das weltweite Saatgut und damit die Lebensgrundlagen für die Ernährung der Menschheit. Bauern und Bäuerinnen geraten dadurch in noch stärkere Abhängigkeitsverhältnisse. Die Preise für Saatgut würden steigen, und die Wahlfreiheit bei Saatgut und Pestiziden würde noch stärker eingeschränkt. „Insbesondere Kleinbauern und Kleinbäuerinnen in den armen Regionen der Welt wären davon massiv betroffen“, so Sarah Schneider, Referentin für Landwirtschaft und Ernährung bei Misereor. „Unsere internationalen Partnerorganisationen haben sofort nach  den ersten  Übernahmegerüchten angekündigt, in ihren Ländern alle juristischen Mittel auszuschöpfen, um einen neuen Mega-Konzern Bayer-Monsanto zu verhindern“, so Stig Tanzmann, Agrarexperte von Brot für die Welt. 

Mit Saatgut von Bayer und Monsanto lässt sich keine zukunftsfähige Landwirtschaft betreiben. Beide Konzerne produzieren genmanipuliertes Saatgut und die korrespondierenden Pestizide, die sie im „Kombi-Pack“ verkaufen. Stattdessen brauche es politische Rahmenbedingungen, die es Bauern und Bäuerinnen ermöglichen, frei und unabhängig über ihr Saatgut zu bestimmen. „Wir dürfen die Welternährung nicht in die Hände eines Agro-Oligopols legen und damit das Menschenrecht auf Nahrung in Gefahr bringen“, erklärten die NGOs.

7. September 2016

Gipfelnachlese: Schuldenkrisen wieder Thema

Das Entschuldungsbündnis erlassjahr.de hat begrüßt, dass auf dem G20-Gipfel am 3./4. September erstmals seit 2008 die neuen globalen Schuldenkrisen thematisiert wurden. Im Kommuniqué des Gipfels von Hangzhou versichern die Staats- und Regierungschefs, dass sie sich für die Verbesserung von Umschuldungsverfahren einsetzen wollen. Sie verweisen dazu auf die Einführung von „Collective Action Clauses“ in Anleiheverträgen (dfie im Falle von Umschuldungen auch die Minderheit der Gläubiger zur Übernahme der Schuldenerleichterungen verpflichten) und die Unterstützung des Pariser Clubs.


erlassjahr.de fordert nun, dass die Bundesregierung die Initiative der chinesischen Regierung fortsetzt und das Thema auf die Agenda des G20-Gipfels 2017 in Hamburg setzt. „Die chinesische Regierung hat den Anfang gemacht und die Notwendigkeit für geordnete Lösungen von Staateninsolvenz angesprochen“, so Jürgen Kaiser, politischer Koordinator von erlassjahr.de. Die vorsichtigen Formulierungen auf dem Gipfel in China könnten aber nur der Anfang sein. Es komme jetzt darauf an, dass Deutschland 2017 diesen Impuls aufnimmt und die Möglichkeit effizienter und rechtsstaatlicher Entschuldungsverfahren schafft.

Laut erlassjahr.de sind derzeit 108 Entwicklungs- und Schwellenländer überschuldungsgefährdet. Mit der Kampagne „Debt20: Entwicklung braucht Entschuldung – jetzt!“ fordert erlassjahr.de die G20 auf, die sich aufbauenden Schuldenkrisen im Globalen Süden als Gefahr für das Erreichen der vereinbarten globalen Entwicklungsziele anzuerkennen. Zusammen mit den Stimmen von 20 Menschen aus kritisch verschuldeten Staaten soll die Forderung Anfang November an die Bundesregierung übergeben werden. Im Gipfeljahr 2017 plant erlassjahr.de Aktionen rund um den G20-Gipfel in Hamburg und das G20-Finanzministertreffen in Baden-Baden. Die Kampagne „Debt20“ wird bereits von rund 150 Organisationen, darunter Diözesen und Landeskirchen, entwicklungspolitische Netzwerke, Eine-Welt-Gruppen und Kirchengemeinden, unterstützt.

6. September 2016

Gipfelergebnisse: Neue Akzente im G20-Kommunique

Während die G20 nach eigenem Selbstverständnis „das erste Forum unserer internationalen wirtschaftlichen Koordinierung“ sein will, nutzen die Staats- und Regierungschefs die Gipfel mehr und mehr für eine politische Rendez-vous-Aktivität außerhalb der offiziellen Agenda. Dies war auch in Hangzhou deutlich, wenngleich die Inhalte der bilateralen politischen Treffen nur teilweise an die Öffentlichkeit gelangten. Obama und Putin erörterten ihre Syrienpolitik, Merkel und Erdogan ihren Flüchtlingsdeal, Chinas Xi und Südkoreas Park Geun-hye die Nordkoreafrage usw. Zumindest in der öffentlichen Darstellung kann derlei politische Krisendiplomatie die ökonomischen Kernaufgaben der G20 durchaus in den Hintergrund drängen. Bundeskanzlerin Merkel schoss den Vogel ab, indem sie aus Hengzhou zum Ausgang der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern Stellung nahm – was nun wirklich mit der G20-Agenda nichts zu tun hat.


Immerhin konzentriert sich das achtseitige G20 Leader’s Communiqué auf die wirtschaftlichen Fragen, und dies in einer Art, die – über die allgemeine Kritik, dass an vielen Stellen konkrete Schritte fehlen, hinaus – durchaus Anlass zu einer vertieften Analyse in der nächsten Zeit sein sollte. Einerseits wiederholt das Kommuniqué altbekannte Formelkompromisse, etwa das „alle Politikinstrumente – geld-, fiskal- und strukturpolitische – individuell und kollektiv“ genutzt werden sollen, um das weltwirtschaftliche Wachstum anzukurbeln. Andererseits ist die chinesische Handschrift unverkennbar: Die Orientierung auf eine „innovative, starke, integrierte und inklusive Weltwirtschaft“ ist ebenso wie das darin enthaltene neue (nachhaltige, ausgewogene und inklusive) Wachstumskonzept deutlich verbunden mit dem Bekenntnis zur 2050-Agenda für Nachhaltige Entwicklung, der Addis-Abeba-Aktionsagenda und dem Pariser Klimaabkommen.

Schon die Gliederung des Dokuments folgt der von Peking vorgegebenen G20-Gipfelagenda (s. dazu auch >>> G20 unter chinesischer Präsidentschaft): Nach einem Abschnitt über die Stärkung der Politikkoordination kommt ein Kapitel über die „Öffnung eines neuen Wachstumspfads“. Dem folgen Abschnitte über „effektivere und effizientere globale wirtschaftliche und finanzielle Governance“, ein Abschnitt über „robusten internationalen Handel und Investitionen“ und schließlich ein Kapitel über „inklusive und integrierte Entwicklung“. Auf einigen Gebieten bietet das Kommuniqué wenig neues (etwa bei der Politikkoordination und der internationalen Finanzarchitektur), auf anderen werden neue Initiativen benannt, deren Entwicklung und Ausfüllung in der Zukunft genau beobachtet werden sollte. So ist etwa von einem „G20-Blueprint für innovatives Wachstum“ die Rede, eine neue G20-Taskforce soll die G20-Agenda zu Innovation, „Neuer Industrieller Revolution“ und digitaler Ökonomie vorantreiben. Es soll einen „Aktionsplan für die Neue Industrielle Revolution“ geben usw. Neu wurde unter chinesischer Präsidentschaft eine Arbeitsgruppe für Handel und Investitionen aufs Gleis gesetzt und erstmals ein G20-Mechanismus zu „Green Finance“ errichtet. Nicht nur entwicklungspolitisch von Belang ist, dass es jetzt einen G20-Aktionsplan zur 2030-Agenda gibt und eine G20-Initiative zur Unterstützung der Industrialisierung in Afrika und den am wenigsten entwickelten Ländern (LDCs) aus der Taufe gehoben wurde.

Sicher nimmt in diesem Konvolut von Initiativen und Plänen das Wachstum eine zentrale Stellung ein. Doch es ist nicht so, dass die G20 unter chinesischer Präsidentschaft einfach auf ein wachstumspolitisches Weiter so geschielt haben. Es ist vielmehr tatsächlich – zunächst und zumindest auf der Diskursebene – ein neues Wachstumskonzept, dessen zentrales Anliegen das Aufspüren neuer Wachstumstriebkräfte ist. Diese werden vor allem in einem neuen Innovationsschub der Weltwirtschaft gesehen. Gleichzeitig heißt es gleich zu Beginn des Entwicklungskapitels: „Damit unser Wachstum stark, nachhaltig und ausgeglichen ist, muss es auch inklusiv sein. Wir sind entschlossen sicherzustellen, dass die Vorteile unseres Wachstums alle Menschen erreichen und das Wachstumspotential aller Entwicklungs- und Niedrigeinkommensländer maximieren. In diesem Zusammenhang steht Nachhaltige Entwicklung hoch auf der G20-Agenda.“

Man wird sehen müssen, wie hoch der rhetorische Anteil an derlei Formulierungen ist. Eine Reihe neuer Anstöße hat der G20-Gipfel von Hangzhou jedenfalls gebracht. Es wird nicht zuletzt darauf ankommen, was die am 1. Dezember beginnende deutsche G20-Präsidentschaft daraus macht.

Weitere kritische Stimmen zu G20: >>> hier.

5. September 2016

G20-Gipfel in Hangzhou: Neuer Anstrich der Globalisierung?

"Für eine innovative, starke, integrierte und inklusive Weltwirtschaft“ lautet das Gipfelmotto der chinesischen G20-Präsidentschaft. Keine schlechte Losung in einer Zeit, in der die Globalisierung mehr und mehr unter Beschuss gerät, diesmal vor allem von rechts (>>> W&E 07-08/2016). Auch das vor sich hin dümpelnde Wachstum der Weltwirtschaft soll künftig vor allem „nachhaltig“ und „inklusiv“ gestaltet werden, so pfeifen es unisono die Großen der G20 – von Obama über Theresa May bis zum Gastgeber Xi Jinping – von den Dächern. Doch was heißt das? Die Financial Times hat zum Auftakt des Gipfels zur drängendsten Priorität erklärt, „einen Weg zu finden, um die Vorteile der Globalisierung einer zunehmend skeptischen Öffentlichkeit zu verkaufen“.


Sprache ist verräterisch. Es geht gerade nicht um eine neue Public-Relations-Anstrengung, in der etwas besser verkauft werden muss. Bislang haben die neoliberalen Protagonisten der Globalisierung wesentliche Konsequenzen einer regellosen und brachialen Liberalisierung verschwiegen (beispielsweise dass die Auslagerung der Produktion in Billiglohnländer vor allem die unqualifizierten ArbeiterInnen in Industrieländern trifft) und wundern sich jetzt, dass die Rechten (von Trump über die Brexiters und Le Pen) ihnen das nun um die Ohren hauen. Zu einer wirklichen Kehrtwende auf dem G20-Gipfel würde also zunächst einmal das Eingeständnis bisherigen Versagens gehören.

Doch die Zeichen, dass G20 zum Ausgangspunkt für ein neues Management der Globalisierung werden könnte, stehen eher schlecht. Die ursprünglich durchaus hoffnungsvollen Visionen der chinesischen Präsidentschaft sind offensichtlich in den eigenen Krisentendenzen und inneren Problemen des Landes stecken geblieben. Bis jetzt haben die G20 keinen Weg gefunden, auch nur das konventionelle Wachstum zu beleben. Gerademal 3,1% lautet die derzeitige IWF-Prognose für die Weltwirtschaft. Das Handelswachstum liegt mit 3% noch darunter. Und die Bilanz der G20 bei der Einführung neuer protektionistischer Maßnahmen ist trotz gegenteiliger Versprechungen verheerend.

Die Hoffnungen auf eine „gezähmte Globalisierung“ und einen sozialen Neuanfang werden durch die politischen Entwicklungen in Lateinamerika nicht besser, im Gegenteil: Mit dem De-facto-Putsch gegen Dilma in Brasilien und dem Wahlausgang in Argentinien werden jetzt zwei wichtige G20-Mitglieder von neoliberalen Regierungen geführt, deren soziale Einschnitte und brachiale Privatisierungen bereits spürbar sind. Die Zukunft der BRICS, noch gestern als Hoffnungsträger gelobt, ist völlig ungewiss. Hinzu kommen die alten Gegensätze in der G20, etwa zwischen den USA, die für mehr fiskalpolitische Stimulierung zu haben wären, und Deutschland, für dessen Finanzminister jegliche Mehrausgaben ein rotes Tuch sind. Noch gar nicht erwähnt sind dabei die zunehmenden Großmächte-Rivalitäten, die auch in Hangzhou die wirtschaftspolitischen Kernaufgaben der G20 zu überschatten drohen. – Es ist also noch ein langer Weg in der Entwicklung der G20 zu einem „Wächter des globalen Wohlergehens“ (>>> G20: Concert of great powers or guardian of global well-being?) – leider.

31. August 2016

Deutsche Agrarkonzerne profitieren von Entwicklungshilfe

Die Bundesregierung begünstigt unter dem Deckmantel der Hungerbekämpfung einseitig die Agenda großer Agrarkonzerne, empfiehlt konkrete Markenprodukte und zum Teil hochgiftige Pestizide. Zu diesem Fazit kommt Oxfam Deutschland in dem Bericht: Böcke zu Gärtnern. Warum die aktuelle Kooperation mit Agrarkonzernen eine nachhaltige Landwirtschaft verhindert. Demnach verstößt das Entwicklungsministerium (BMZ) bei Kooperationsprojekten mit Agrarkonzernen gegen eigene Vorgaben, schließt agrarökologische Ansätze de facto aus und übergeht Kleinbauern bei der Projektentwicklung. 

Die Oxfam-Studie zeigt, wie aktuelle Kooperationsprojekte mit Agrarkonzernen wie Bayer, BASF und Yara auf eine industrielle Landwirtschaft setzen. Von Hunger hauptsächlich betroffene Gruppen wie Kleinbauern oder Frauen wurden bei der Entwicklung der untersuchten Projekte bis auf eine beschränkte Ausnahme dagegen nicht beteiligt. Oxfam wertete für den Bericht zahlreiche über das Informationsfreiheitsgesetz erhaltene Dokumente und Schulungsmaterialien zu drei öffentlich-privaten Partnerschaften (PPPs) aus: die Better Rice Initiative Asia (BRIA), die Competitive African Rice Initiative (CARI) sowie die Potato Initiative Africa (PIA). CARI empfiehlt zum Beispiel den Einsatz von hochgiftigen, gesundheits- und umweltschädlichen Pestiziden wie Lambda-Cyhalothrin und Deltamethrin, die auf der Liste des internationalen Pesticide-Action-Networks (PAN) stehen. Damit verstößt das BMZ gegen eigene Vorgaben, wonach besonders umweltschädliche Produkte nicht mehr zur Anwendung kommen und die PAN-Liste zeitnah berücksichtigt werden soll.

Die Projekte verharmlosen auch die vielfältigen ökologischen Probleme der industriellen Landwirtschaft und verkennen in ihrer Fixierung auf technologische Lösungen, dass Hunger kein Problem des Mangels, sondern von Armut und der Verletzung von Menschenrechten ist.

Zwei der drei untersuchten Projekte laufen noch bis Ende 2017. Sie waren unter dem Dach der German Food Partnership etabliert worden, die 2015 offiziell auslief. Die im selben Jahr von Entwicklungsminister Gerd Müller ins Leben gerufenen und mit 195 Mio. € geförderten „Grünen Innovationszentren“ (Sonderinitiative „Eine Welt ohne Hunger“) räumen den Agrarkonzernen nun teilweise noch mehr Macht und Vorteile ein, wie eine Analyse der bislang einsehbaren Vertragsmodalitäten belegt. Kein Wunder, dass die Unternehmen bereits Schlange stehen.

Die Kooperation mit den großen Agrarkonzernen im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit begann Ende der 1990er Jahre und verstärkte sich nach dem Weltwirtschaftsforum 2011. Die dort verabschiedete „Neue Vision für die Landwirtschaft“ beförderte die Gründung der Investitionsplattform „GROW Africa“ und der „Neuen Allianz für Ernährungssicherheit“ der G8. Zudem inspirierte sie den damaligen deutschen Entwicklungsminister Dirk Niebel, die „German Food Partnership“ 2012 ins Leben zu rufen. Das BMZ ließ die GFP im Jahr 2015  offiziell auslaufen. Kritiker der GFP wie FIAN, INKOTA, Oxfam, die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) und andere begrüßten diesen Schritt  und werteten dies als Erfolg ihrer Kampagne „Keine Entwicklungshilfe für Agrarkonzerne“. Umso ärgerlicher, dass Entwicklungsminister Gerd Müller die Agenda der GFP mit dem Globalvorhaben „Grüne Innovationszentren“ im Rahmen der Sonderinitiative „Eine Welt ohne Hunger“ und der Gründung der „Agentur für Wirtschaft und Entwicklung“ jetzt fortsetzt.

26. Juli 2016

Finanzministerium torpediert Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte

Am kommenden Donnerstag treffen sich die Staatssekretäre der Bundesministerien zur Abstimmung über den Entwurf des deutschen Aktionsplans für Wirtschaft und Menschenrechte. Anlass der Runde ist die massive Verwässerung des Entwurfs durch das Bundesfinanzministerium. Amnesty International, Brot für die Welt, Germanwatch und MISEREOR befürchten ein substanzloses Papier. Der NGO-Dachverband VENRO fordert von Bundeskanzlerin Merkel, Menschenrechte über Profit zu stellen und einen für Unternehmen verbindlichen Nationalen Aktionsplan (NAP) für Wirtschaft und Menschenrechte aufzustellen. 

Wie aus gut informierten Kreisen verlautet, soll nach dem Willen des Finanzministeriums nur eine völlig unverbindliche Empfehlung ausgesprochen werden, dass Unternehmen ihre menschenrechtliche Verantwortung wahrnehmen. Die Zielvorgabe, dass bis 2020 die Hälfte der großen Unternehmen menschenrechtliche Sorgfaltsprozesse eingeführt haben sollen, habe das Ministerium gestrichen. Auch die Erwägung gesetzlicher Maßnahmen für den Fall, dass zu wenige Unternehmen bis 2020 Prozesse zur menschenrechtlichen Sorgfalt eingerichtet haben, will das Finanzministerium nicht akzeptieren. Es fordert stattdessen, die für Unternehmen durch den Aktionsplan eingetretenen Belastungen zu überprüfen.

Hatte der bisherige Entwurf immerhin für Unternehmen im Eigentum des Bundes die Einführung einer verbindlichen menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht vorgesehen, will das Finanzministerium lediglich den möglichen Bedarf einer Empfehlung prüfen. Verbindliche Menschenrechtsauflagen werden auch als Bedingung für öffentliche Aufträge und die Außenwirtschaftsförderung abgelehnt. Überdies stellt das Ministerium die Umsetzung des gesamten Aktionsplans unter einen allgemeinen Finanzierungsvorbehalt.

Im September will die Bundesregierung den NAP verabschieden und damit die Leitprinzipien der Vereinten Nationen für Wirtschaft und Menschenrechte national umsetzen. Anfang Juni hatten sich die Staatsekretäre der fünf beteiligten Ressorts auf einen Entwurf geeinigt, der bereits weit hinter den Erwartungen der NGOs zurückblieb. Jetzt will das BMF aus dem bisherigen Entwurf des NAP offenbar alle Spuren von Verbindlichkeit tilgen. So lehnt das BMF bereits den Begriff der „menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht“ ab. Überdies stellt das BMF die gesamte Umsetzung unter einen Finanzierungsvorbehalt. - Auf Initiative der Bundesregierung hatte der G7-Gipfel in Elmau 2015 die Privatwirtschaft explizit noch „dringend aufgerufen“, ihre menschenrechtliche „Sorgfaltspflicht“ einzuhalten. Die Bundeskanzlerin hatte sich persönlich für das Thema eingesetzt und die Erstellung substanzieller Nationaler Aktionspläne begrüßt.

Die beteiligten Organisationen unterstützen eine Online-Kampagne für einen Aktionsplan mit gesetzlichen Regelungen >>> https://www.openpetition.de/petition/online/menschenrechte-vor-profit

18. Juli 2016

MigrantInnen: Die Reichen tun zu wenig

Die sechs größten Volkswirtschaften, die die Hälfte der globalen Wirtschaftskraft ausmachen, nehmen weniger als 9% der weltweiten Flüchtlinge auf. Der Großteil findet in wirtschaftlich sehr viel schwächeren Ländern Zuflucht. Darauf weist die internationale Nothilfe- und Entwicklungsorganisation Oxfam hin und fordert von den großen Volkswirtschaften, deutlich mehr Menschen aufzunehmen und einen effektiven Schutz von Flüchtlingen zu gewährleisten.


Oxfams Analyse (>>> A poor welcome from the world’s wealthy) zufolge beherbergen die Vereinigten Staaten, China, Japan, Deutschland, Frankreich und Großbritannien insgesamt nur 2,1 Millionen Flüchtlinge (8,8% der rund 24 Millionen von den Vereinten Nationen offiziell registrierten Flüchtlinge und Asylbewerber). In scharfem Kontrast dazu steht die Aufnahmebereitschaft sechs deutlich ärmerer Länder: Jordanien, Türkei, Pakistan, Libanon, Südafrika und die besetzten palästinensischen Gebiete machen zusammen weniger als zwei Prozent der globalen Wirtschaftskraft aus, gewähren aber über 50% aller weltweit registrierten Flüchtlingen und Asylbewerbern Zuflucht (s. Grafik).


„Die wirtschaftlich Großen machen sich mehrheitlich ganz klein, wenn es um den Flüchtlingsschutz geht. Dieses verantwortungslose Versteckspiel muss ein Ende haben. Deutschland sticht unter den Wirtschaftsriesen zwar positiv hervor, könnte aber trotzdem erheblich mehr schutzbedürftige Menschen aufnehmen und andere Aufnahmeländer finanziell stärker unterstützen“, erklärt Robert Lindner, Referent für humanitäre Krisen und Konflikte bei Oxfam Deutschland.

Am 19. und 20. September finden in New York auf Einladung von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon bzw. US-Präsident Obama zwei Gipfel statt, die Antworten auf die Herausforderungen aus den weltweiten Flucht- und Migrationsbewegungen geben sollen. Mit einer internationalen Kampagne wird Oxfam Regierungen dazu drängen, sich ihrer humanitären Verantwortung endlich zu stellen. Die Nothilfe- und Entwicklungsorganisation fordert ein koordiniertes Vorgehen und eine gemeinsame Übernahme von Verantwortung durch reiche Staaten, um einen effektiven Schutz von Flüchtlingen zu gewährleisten. Zudem braucht es deutlich mehr finanzielle Unterstützung für Entwicklungsländer, die einem Großteil der Flüchtlinge Schutz gewähren. 86% werden von Staaten aufgenommen, die selbst große Probleme haben, die Grundbedürfnisse ihrer Bevölkerungen zu befriedigen.

29. Juni 2016

LuxLeaks-Urteile: Profitinteressen vor Gemeinwohl

Die heute verkündeten Urteile im LuxLeaks-Prozess werfen ein dunkles Licht auf das Großherzogtum. Einige mögen argumentieren, die zur Bewährung ausgesetzten Freiheitsstrafen (12 Monate für den ehemaligen PricewaterhouseCoopers-Mitarbeiter Antoine Deltour plus 1500 EUR Bußgeld; 9 Monate für den Ex-PwC-Mitarbeiter Raphael Halet und Freispruch für den Journalisten Antoine Perrin) seien milde Urteile. Es geht jedoch nicht um das Strafmaß, sondern ums Grundsätzliche. Die Verteidigung hatte argumentiert, Deltour hatte mit der Veröffentlichung der LuxLeaks-Dokumente im Interesse des Allgemeinwohls gehandelt. Es ging schließlich um Transparenz in einem der wichtigsten Wirtschaftszweige Luxemburgs. Das jetzige Urteil besagt somit, dass ein Gericht Steuervermeidungs- und Profitinteressen multinationaler Unternehmen (MNU) über das Gemeinwohl stellt.


Im Großteil der veröffentlichten Meinung Luxemburgs wird der Prozess gegen die Whistleblower als eine Art Nachspiel zu einer Affäre dargestellt, die der Vergangenheit angehört. Doch das ist falsch. Nirgendwo ist inzwischen belegt, dass die Sonderbedingungen, die MNU in Luxemburg eingeräumt wurden, inzwischen abgeschafft wurden. Das Land ist nach wie vor eine Profit- und Steuervermeidungsdrehscheibe für MNU. Seit Jahren lockt Luxemburg (im Vergleich zu seiner Wirtschaftsleistung extrem unverhältnismäßig hohe ausländische Direktinvestitionen an. Der neue Weltinvestitionsreport der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD), der die Steuervermeidungspraktiken der MNU untersucht, enthält eine Tabelle, die die Erträge von Auslandsfilialen in Prozent des BIP des Gastlandes auflistet. In Luxemburg beliefen sich diese im letzten Jahr auf über 114%. Höhere Werte wiesen nur die klassischen Steuerparadiese Cayman-Inseln und Bermudas auf (mehr dazu demnächst in >>> W&E 06/2016).

Nach Schätzungen der internationalen Hilfsorganisation Oxfam verlieren die EU-Mitgliedsstaaten durch die Steuervermeidung multinationaler Konzerne jedes Jahr etwa 50–70 Mrd. EUR, die Länder des Südens sogar insgesamt 100 Milliarden. Wie viel davon auf das Konto des Steuerdumpings geht, dass Luxemburg „ganz legal“ (so Finanzminister Gramegna) betreibt, ist nicht bekannt.

27. Juni 2016

EU-Gipfel: Migrationsabwehr im Schatten des Brexit?

Die Europäische Union muss den aktuellen Vorschlag der EU-Kommission zur Migrationsabwehr stoppen. Das fordern heute mehr als 100 Nichtregierungsorganisationen in einer gemeinsamen Erklärung zum morgigen EU-Gipfel, darunter Amnesty International, Ärzte der Welt, Care International, Handicap International, Save the Children, Oxfam und World Vision. Die EU verschreibe ihre Außenpolitik dem einzigen Ziel, Migration einzudämmen und untergrabe damit ihre Glaubwürdigkeit und Autorität bei der Verteidigung von Menschenrechten. Die Organisationen fordern von den politisch Verantwortlichen in der EU, den Kommissionsvorschlag abzulehnen.


Konkret sieht der Plan vor, Handelsbeziehungen, Entwicklungshilfegelder und andere Finanzmittel dafür einzusetzen, dass Drittländer MigrantInnen daran hindern, Europa zu erreichen. Den Vorschlag, den die Kommission Anfang Juni vorgelegt hat, werden die Staats- und Regierungschefs bei ihrem Gipfel in Brüssel diskutieren. Blaupause für den Plan ist das Abkommen zwischen der EU und der Türkei, durch das Tausende Menschen unter entwürdigenden und menschenverachtenden Bedingungen in Griechenland festsitzen. Kinder sind besonders hart betroffen: Viele Hundert unbegleitete Minderjährige werden in haftähnlichen Einrichtungen festgehalten oder müssen in Polizeizellen schlafen.

Der NGO-Koalition zufolge torpediere die Europäische Union mit dem Vorhaben ihre menschenrechtsbasierte Außenpolitik und beschädige weltweit das Recht auf Asyl. Der Plan beinhalte keine Vorkehrungen, die Menschenrechte, rechtsstaatliche Standards und Schutzmaßnahmen gewährleisten. Die Gefahr sei groß, dass es im Zuge von Abkommen mit Regierungen zur Migrationsabwehr zur Verletzung internationalen Rechts kommt. Denn dieses verbiete, Menschen in Länder zurückzuweisen, in denen ihnen Gefahr für Leib und Leben droht. „Pflichten und Verantwortlichkeit zur Wahrung der Menschenrechte enden nicht an Europas Grenzen“, heißt es in der Erklärung.

Der Kommissionsvorschlag ignoriert zudem alle Belege dafür, dass Abschreckung Migration nicht stoppt, sondern nur verlagert. Die EU-Migrationspolitik werde das Geschäftsmodell der Schleuser nicht zerschlagen, aber das Leid schutzsuchender Menschen vergrößern, die gezwungen sind, noch gefährlichere Routen nach Europa zu nehmen. Die NGOs zeigen sich äußerst besorgt, dass der Kommissionsplan insgesamt eine Neuorientierung bei der Verwendung von Entwicklungshilfemitteln einleitet, die künftig dafür eingesetzt werden könnten, Migration zu stoppen. „Dies widerspricht auf inakzeptable Weise dem Bekenntnis der EU, dass Entwicklungszusammenarbeit das Ziel verfolgt, Armut zu überwinden“, heißt es in der Erklärung.

Die Organisationen warnen zudem vor langfristig kontraproduktiven Folgen, wenn mit Ländern, in denen es zu schweren Menschenrechtsverletzungen kommt, Abkommen zur Migrationsabwehr geschlossen werden. Solche Abkommen „untergraben weltweit die Stellung der Menschenrechte und sorgen dafür, dass Misshandlungen und Repression fortdauern, die Menschen zur Flucht zwingen.“ Anstelle des Vorschlags der Kommission sollten die EU-Mitgliedsstaaten eine nachhaltige und langfristig angelegte Strategie entwickeln, wie sich Migration nach Europa gestalten lässt. „Die EU, ein Projekt, das auf den Trümmern eines verheerenden Krieges entstand, schickt sich an, ein dunkles Kapitel in ihrer Geschichte aufzuschlagen“, warnen die Organisationen.

25. Juni 2016

Eine Antwort an die Lexiters: Der Brexit und die Linke in Europa

Der Ausgang des Brexit-Referendums ist für den ehemaligen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis ein weiterer Anlass für eine klare Positionierung der Linken in und gegenüber Europa. In einem aktuellen Kommentar für ProjectSyndicate schreibt er:


„Das britische Referendum über den Austritt aus der Europäischen Union führte seltsame Bettgenossen zusammen – und zu manch noch seltsameren Gegnerschaften. Da die Tories gnadenlos übereinander herfielen, erhielt die Spaltung des konservativen Establishments viel Aufmerksamkeit. Doch eine ähnliche (glücklicherweise zivilisierter ausgetragene) Spaltung betraf auch meine Seite: die Linke.

Weil ich mich mehrere Monate in England, Wales, Nordirland und Schottland gegen einen  britischen Austritt engagierte, war ich zwangsläufig mit der Kritik linksgerichteter Unterstützer eines „Brexit“ konfrontiert – oder eines „Lexit“, wie dieser Schritt genannt wurde.

Die Anhänger eines Lexits lehnen die Forderung der DiEM25 (der im Februar in Berlin gegründeten radikalen Bewegung Demokratie in Europa) nach einer paneuropäischen Bewegung für den Wandel der EU von innen ab. Sie sind der Ansicht, dass eine Erneuerung progressiver Politik den Austritt aus einer unverbesserlich neoliberalen EU erfordert. Die Linke würde die anschließende Debatte benötigen.

Zurecht verachtet man innerhalb der Linken vielerorts die eilige Unterwerfung mancher Gleichgesinnter unter die Prämisse, der Nationalstaat sei aufgrund der Globalisierung irrelevant geworden. Obwohl die Nationalstaaten geschwächt wurden, sollte man Macht niemals mit Souveränität verwechseln.

Wie das kleine Island bewies, ist es einem souveränen Volk möglich, ungeachtet der Macht seines Staates, grundlegende Freiheiten und Werte zu schützen. Und ganz entscheidend: im Gegensatz zu Griechenland und Großbritannien ist Island der EU niemals beigetreten.

In den 1990er Jahren engagierte ich mich gegen Griechenlands Beitritt zur Eurozone, ebenso wie sich der Chef der britischen Labour Party Jeremy Corbyn in den 1970er Jahren gegen einen britischen EU-Beitritt einsetzte. Tatsächlich fällt meine Antwort stets negativ aus, wenn mich Freunde in Norwegen oder der Schweiz fragen, ob sie einen EU-Beitritt ihres Landes unterstützen sollen.

Allerdings ist es eine Sache, einen EU-Beitritt abzulehnen und eine andere, sich für einen Austritt zu engagieren. Es ist unwahrscheinlich, mit einem Austritt an den Punkt zu gelangen, wo man wirtschaftlich und politisch ohne einen Beitritt stünde. Daher ist es sehr wohl schlüssig, sowohl gegen eine Mitgliedschaft als auch gegen einen Austritt zu sein…“

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24. Juni 2016

Nach dem Brexit hilft nur eine wirkliche Reform der EU

Nach dem Votum der Briten für einen Brexit steht die EU vor der größten Herausforderung ihrer Geschichte. Spätestens jetzt zeigt sich, dass das vom konservativen Premierminister Cameron initiierte Remain-or-Leave-Referendum die falsche Alternative aufwarf. An der Politik der EU wird sich durch die jetzt getroffene Entscheidung kein Deut ändern. Dabei wäre eine wirkliche Reform der EU die einzig sinnvolle Alternative zu der Misere, die sich jetzt auftun könnte. Kaum eine NGO hat bislang zu dem Resultat des Referendums Stellung genommen. Eine Ausnahme ist die Entwicklungs- und Umweltorganisation Germanwatch. Tenor: „Die EU ist zutiefst reformbedürftig und muss ihre Handlungsfähigkeit für die Bereiche, in denen sie nur gemeinsam Erfolg haben kann, neu unter Beweis stellen. Dazu gehören die Flüchtlings- sowie die Energie- und Klimapolitik“, so Germanwatch-Vorsitzender und W&E-Mitherausgeber Klaus Milke. Ein nachhaltiges Energiesystem, das möglichst dezentral ausgerichtet ist und zugleich Europa verbindet, gehöre zum Rückgrat einer erneuerten EU.

Es rächt sich nun, dass die EU zu wenig auf eine Wirtschaftsentwicklung für die sozial Schwachen sowie die Umwelt und zu stark auf Deregulierung und Liberalisierung gesetzt hat. Die tatsächlichen und vermeintlichen Verlierer dieser Politik lehnen die EU insgesamt immer stärker ab und vertrauen den Scheinlösungen der Nationalisten. Klaus Milke nennt ein Beispiel: „TTIP ist zu einem Symbol für die einseitig an Wirtschaftsinteressen ausgerichtete Politik geworden und darf deshalb nicht über die Köpfe der Bürgerinnen und Bürger hinweg durchgesetzt werden. Stattdessen braucht die EU eine an den globalen Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs) orientierte Nachhaltigkeitsstrategie und Handelspolitik, die mit Beteiligung der Zivilgesellschaft erarbeitet werden sollte." Auch eine Landwirtschaftspolitik, die der bäuerlichen Landwirtschaft den Boden entzieht und ökologische sowie soziale Grenzen missachtet, dürfe nicht weiter ein Markenzeichen der EU sein.

Es sei nun höchste Zeit, für von der EU und ihren Mitgliedern vertretene Werte und Ziele zu kämpfen: für die Würde des Menschen, für die individuellen und sozialen Menschenrechte, für soziale und ökologische Nachhaltigkeit. „Mit dem Brexit schlägt auch die Stunde der europäischen Zivilgesellschaft. Germanwatch wird sich noch intensiver für eine stärkere europäische Zivilgesellschaft einsetzen. Gemeinsam gilt es gerade auch der Bundesregierung auf die Finger zu schauen, denn Deutschland kommt in einer EU ohne Großbritannien noch mehr Verantwortung zu. Deutschland muss für eine soziale und umweltgerechte Politik in der EU stehen. So sollte etwa auch die einseitige Fokussierung auf eine Austeritätspolitik zur Lösung der ökonomischen EU-Krise dringend beendet werden.“ Indem die wesentlichen Strukturprobleme der EU angepackt werden, müsse den fremden- und EU-feindlichen Parteien das Wasser abgegraben werden. – Dem ist vom Grundsatz her wenig hinzufügen.

22. Juni 2016

Brexit? Die Banker haben schon gewonnen

Die Klage über die „Regulierungswut“ Brüssels gegenüber dem Finanzsektor ist eines der herausragenden „Argumente“ der Befürworter eines Brexits, wie der Austritt Großbritanniens aus der EU kurz genannt wird. Die Ironie der Geschichte ist nur: Ob Brexit oder Remain – die Banker der City of London setzen auf das Bleiben, denn im Windschatten der Kampagne haben sie schon gewonnen. Der Finanzsektor hat den durch das morgige Referendum drohenden Brexit systematisch genutzt, um seine Deregulierungsagenda gegenüber Brüssel voranzutreiben, zeigt eine neue Studie von Corporate Europe Observatory: How Cameron's referendum delivered victories to Big Finance.


Die Studie erzählt die Geschichte, wie der Finanzsektor vom ersten Tag an, als der britische Premier David Cameron vor drei Jahren das Referendum über den Verbleib Großbritanniens in der EU ankündigte, bedeutende Erfolge erzielte, und zwar dank der Bereitschaft der britischen Regierung und der EU, die City of London bei Laune zu halten. Der Autor der Studie, Kenneth Haar, hebt insbesondere vier „Errungenschaften“ des Finanzsektors hervor: erstens die Ernennung von Jonathan Hill zum EU-Kommissar für Finanzdienstleistungen, der unumstritten als Bollwerk des britischen Blicks auf die Finanzmärkte gilt; zweitens das politische Programm für Finanzdienstleitungen, vor allem die sog. Kapitalmarktunion, unter der eine neue Phase der Deregulierung der Finanzmärkte beginnt; drittens eine Review existierender finanzieller Regulierungen, die zur Zurückdrängung existierender Regulierungen führen könnte, die nach der Finanzkrise für mehr Finanzstabilität eingeführt wurden; und viertens die Neuverhandlung der britischen EU-Mitgliedschaft, in denen London neue Privilegien im EU-Entscheidungsprozess durchsetzte, wenn die Interessen des Finanzsektors gefährdet scheinen.

Oft sei es schwierig zu unterscheiden, wer unter den Akteuren ein regulärer Lobbyist und wer ein britischer Regierungsvertreter ist, heißt es in der Studie, die neben den Lobbyerfolgen der Banker auch die Methoden untersucht hat, die zur Durchsetzung weiterer Deregulierungen angewendet werden. Eine besondere Rolle spielt dabei die Arbeit der International Regulatory Strategy Group (IRSG). In diesem Zusammenhang wird auch gezeigt, die die Barclays Bank half, den Finanzkommissar Hill davon von der Notwendigkeit zu überzeugen, eine Konsultation über die Frage abzuhalten, welche Regulierungen angeschafft werden sollten. – Liest man die Studie, kommt einem nicht nur in den Sinn, dass das Gejammer der Brexit-Leute über die „Regulierungsflut“ nur vorgeschoben ist. Nachvollziehbar wird auch, warum sich kurz vor dem Referendum so viele Vertreter der Londoner City für einen Verbleib in der EU ausgesprochen haben. Was natürlich nicht als Argument für einen Brexit missverstanden werden sollte.

21. Juni 2016

Exodus des Westens aus der UNIDO? Weckruf der G77

Die Gruppe der 77, in der 133 Entwicklungsländer und China organisiert sind, hat ihre Besorgnis über den Rückzug von neun Ländern aus der UN-Organisation für Industrielle Entwicklung (UNIDO) zum Ausdruck gebracht, berichtete kürzlich Interpress Service (IPS). Die G77 bestreitet nicht das Recht der Staaten, ihre Mitgliedschaft in internationalen Organisationen selbst zu bestimmen, betont jedoch, dass Veränderungen an der internationalen Institutionen-Architektur durch Konsultation und nicht unter Druck stattfinden sollten. Die betreffenden Länder sind allesamt Mitglieder der EU oder der OECD: Großbritannien, Frankreich, Portugal, Belgien, Litauen, Kanada, Australien, Neuseeland und die USA. Der Exodus begann schon 1993 und hält bis heute an: Zum Januar 2017 planen Dänemark und Griechenland, die Organisation zu verlassen; in den Niederlanden müssen noch die beiden Parlamentskammern den Austritt absegnen. Die Anzahl der ausgetretenen Länder würde damit auf 12 ansteigen.


Der Exodus aus der UNIDO, die seit den 1990er Jahren im UN-System stark marginalisiert ist, hat mehrere Aspekte. Meist schieben die Austrittskandidaten Budget-Engpässe vor, weshalb Beiträge zu internationalen Organisationen eingespart werden müssten. Die schmelzenden Mittel beim Core-Funding erhöhen die Abhängigkeit der UNIDO von freiwilligen, projektgebundenen Finanzmitteln. Ernster noch ist der Dominoeffekt, der mit den Austritten ausgelöst werden könnte. Die Austritte unterminieren die Glaubwürdigkeit und den internationalen Charakter der UNIDO, die derzeit noch 170 Mitgliedsstaaten hat (im Vergleich zu 193 der UNO insgesamt). Mit ihrem Mandat, „die inklusive und nachhaltige industrielle Entwicklung in Entwicklungs- und Übergangsländern“ zu fördern, fällt ihr in der im letzten Jahr verabschiedeten 2030-Agenda eine wichtige Rolle zu. Im SDG 9 ist vorgesehen, „eine widerstandsfähige Infrastruktur aufzubauen und eine inklusive und nachhaltige Industrialisierung“ anzustreben.

In der G77 wird nun überlegt, wie der Exodus gestoppt werden kann, u.a. durch Briefe an die UN-Missionen von Dänemark, Griechenland und der Niederlande. UNIDO-Generaldirektor ist der Chinese Li Yong soll einen Aktionsplan entwickeln. Und das Thema soll auch auf die Tagesordnung der UN-Generalversammlung in diesem Herbst gebracht werden. – So unterstützenswert solche Initiativen auch sind – es dürfte schwer werden, die beschriebene Entwicklung wieder zurückzudrehen. Schließlich gibt es vergleichbare Manöver westlicher Staaten auch gegenüber anderen UN-Organisationen. Als 2011 die UNESCO Palästina anerkannte, sperrten die USA prompt ihre Finanzmittel. Ein anderes Beispiel ist die UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD). Im Vorfeld der demnächst in Nairobi zusammenkommenden UNCTAD 14 beginnen bereits wieder die Versuche, das Mandat der Organisation, die sich als „focal point“ des UN-Systems für Handel und Entwicklung sowie verwandter Bereiche wie Finanzen, Technologie, Investitionen und nachhaltige Entwicklung begreift, zu begrenzen und zurückzudrängen. Auch dagegen laufen die G77 bereits Sturm, wobei die Aussichten auf Erfolg hier wahrscheinlich besser sind.